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Weinvergleichstest Teil 3: Deutsche Weißburgunder

von weinnase
28. Oktober 2009

Deutsche Weißburgunder
Nach den hier teilweise heiß diskutierten Exoten der letzten Zeit ist diesmal wieder eine Palette bodenständiger Traditionsprodukte des deutschen Qualitätsweinbaus an der Reihe, getestet zu werden. Allerdings geben wir zu, darauf nicht allein gekommen zu sein, vielmehr wurden wir angeregt durch ein freundliches Testpaket des Online-Weinshops Solvino. Getestet wurden drei Weißburgunder des Jahrgangs 2008 der Preisklasse 9-10 Euro. Dabei waren:

  • Reichsgraf von Kesselstatt Weißburgunder trocken 2008 aus Morscheid (Mosel),
  • Weingut Kranz Weißer Burgunder Kabinett trocken 2008 aus Ilbesheim (Pfalz) und
  • Philipp Kuhn Weißer Burgunder Tradition Qualitätswein 2008 aus Laumersheim (Pfalz).

Zum Zeitpunkt des Tests war es relativ schwierig, Hintergrund-Informationen zu diesen Weinen zu recherchieren, das hat sich seitdem glücklicherweise geändert.

Die Weißburgunderrebe

Der Weißburgunder (franz. Pinot blanc) ist alles Andere als ein Modewein. Recherchiert man nach aktuellen Weißwein-Trends (2009!) auf dem deutschen Markt, findet man als erstes Riesling, als zweites Riesling und als drittes - genau - Riesling. Dazu gesellt sich der eine oder andere Grauburgunder, Silvaner oder Rivaner - die Kreuzung aus Riesling und Silvaner hatte früher den etwas spießig anmutenden Namen Müller-Thurgau. Weiter hinten folgen dann Beiträge über Versuche, aufgrund der Klimaerwärmung Rebsorten aus südlichen Gefilden wie Chardonnay oder Sauvignon in Deutschland heimisch zu machen, oder Experimente mit spannenden, geheimnisvollen Cuvées.

Berichte über Weißburgunder dagegen findet man regelmäßig auf den hinteren Plätzen. Auch auf dem renommierten Portal weinverkostungen.de musste man 2009 teilweise mehrere Seiten durchblättern, um mal auf einen Weißburgunder zu stoßen. Das bedauert niemand mehr als ich, denn unter den Weißweinen ist der zartfruchtige, elegante Weißburgunder seit jeher mein Favorit. Insofern nutze ich gern die Gelegenheit, diese verkannte Weinsorte wieder etwas mehr ins Gespräch zu bringen.

Die Kandidaten

Die besondere Herausforderung bei diesem Test bestand darin, die Unterschiede zwischen den drei Weinen korrekt herauszuarbeiten. Sie sind sich nämlich erstaunlich ähnlich, sowohl vom Typus als auch von der Qualität. Ein Fehlkauf ist keiner der drei, es kommt eher auf Nuancen und persönliche Vorlieben an. Alle drei Weine sind, auch wenn das keiner der Winzer irgendwo verrät, definitiv Produkte moderner Weinbaumethoden. Die Nase im Glas verrät bei allen zarte Hefearomen, was auf die Anwendung der modernen Kaltgärtechnik schließen lässt, bei der man den Wein bei niedrigen Temperaturen lange auf den Hefen stehen lässt. Dies garantiert schonende Aromenextraktion und intensive Fruchtigkeit und ist allen drei Winzern vorzüglich gelungen.

Ebenfalls allen gemein ist die pinot-typische, leicht ins Roséfarbene spielende, blassgelbe Farbe und das zartfruchtige, an gelbe Früchte (Pfirsiche, Melonen, Zitrus, der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt) erinnernde Bouquet, die elegante Struktur, der leichte, frische Charakter und der mit 12 bzw. 12,5 Vol.-% durchweg moderate Alkoholgehalt. Alle drei treten mit einem nicht besonders ästhetischen, aber effizienten und kostengünstigen Schraubverschluss an, was durchaus etwas über das Selbstbewusstsein ihrer Produzenten verrät. Aber was unterscheidet sie denn nun?

Reichsgraf von Kesselstatt

Fangen wir mit dem Wein adliger Herkunft (Link auf den 2018er, Stand 2021) an: Ein feiner und eleganter Wein mit sehr milder Säure, weswegen er uns zum ersten Gang des Verkostungsmenüs, welches aus mariniertem Tunfisch bestand (hier demnächst mehr), besonders geeignet erschien. Der Bewertung von Solvino, wo er als kräftig und "saftig" beschrieben wird, vermag der Autor dagegen nicht ganz zu folgen. Erstaunt nimmt man dort zur Kenntnis, dass ein Teil des Weins im großen Holzfass vergoren wurde, das merkt man ihm nicht an. Für das Verkostungsteam war es der leichteste Wein des Trios. Als Einziger der drei verfügt er über keine Qualitätseinstufung nach dem deutschen Weingesetz. Mit 9,50 € liegt er preislich im Mittelfeld.

Weingut Kranz

Dieser Qualitätswein ist mit 9,00 € direkt ab Weingut (Solvino führt ihn nicht mehr, Link auf den 2020er, Stand 2021) der günstigste im Testpaket. Er hat die pikanteste Säure im Terzett, moussiert leicht im Glas und schmeckt frisch und lebendig. Aufgrund der vergleichsweise kräftigen Struktur war er unsere Wahl für den Hauptgang, das Kalbscarrée mit Trauben-Pilz-Ragout, was sich im Nachhinein als etwas unüberlegt herausstellte.

Philipp Kuhn

Der "Traditions"-Wein von Philipp Kuhn (Link auf den 2020er, Stand 2021) kommt bescheiden als Q.b.A. daher, dabei ist er der eleganteste und vom Typ her auch der Trockenste der Testkandidaten, ohne dabei unzugänglich zu sein. Ich kann mich der Beschreibung von Solvino diesmal voll und ganz anschließen: "Er bietet eine schöne Frische sowie eine locker leichte Frucht nach Apfel, Birne und etwas Aprikose. Die frische, aber nicht nervige Säure passt wunderbar ins Gesamtgefüge des Weins. Der Weißburgunder Tradition passt sehr gut zu allerlei Fisch und Meeresfrüchten, aber auch zu Geflügel und anderen leichteren Fleischgerichten." Mit 9,90 € ist er zwar der teuerste des Pakets, aber er ist definitiv jeden Cent wert. Im Nachhinein wäre er eigentlich die Idealbesetzung zum Kalbscarrée gewesen.

Fazit

Bisher war kein Test-Ensemble in Stilistik und Qualität so nahe beieinander wie dieses. Andererseits, nur unter solchen Bedingungen macht ein Vergleich ja wirklich Sinn. Alle drei sind Vertreter des modernen deutschen Premium-Weinbaus, so viel steht fest. Den überzeugendsten Eindruck machte nach einhelliger Meinung des Verkostungsteams der Weißburgunder Tradition von Philipp Kuhn. Er wirkt am ausgewogensten, die pinot-typischen Eigenarten Frucht und milde Säure stehen in bester Harmonie zueinander.

Zum Testzeitpunkt wurde dieser Wein vom Erzeuger selbst kaum gewürdigt, das hat sich mittlerweile geändert. Und noch ein Nebenfazit: Die Qualitätseinstufungen nach dem deutschen Weingesetz habe ich noch nie für besonders aussagekräftig gehalten. Es gilt vielen modernen Winzern als verstaubt und zu traditionsverhaftet. Dieser Test scheint das einmal mehr zu bestätigen.

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